Ev.-luth. Kirchengemeinde Kirchtimke

Projekt "Attraktive Gemeinde"

Bericht vom Projekt „Attraktive Gemeinde“

1. Das Projekt:
Was macht eine Kirchengemeinde attraktiv.' Wie gewinnt sie Ausstrahlungskraft?

Diesen Fragen ist ein gemeinsames Projekt des Hauses kirchlicher Dienste (Gemeindeberatung/Organisationsentwicklung und Missionarische Dienste) und des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD mit 12 ausgewählten Gemeinden nachgegangen. Das Projekt umfasste über ein Jahr einen spannenden gemeinsamen Lernweg mit unterschiedlichen Etappen und dem Wunsch, die attraktive Zukunftsgestaltung kirchlicher Arbeit von Gemeinden zu stärken. Ziel war es weiterhin, Brücken zu schlagen zwischen Empirie und Theologie und darum die 12 Gemeinden in ihrer örtlichen Arbeit und Schwerpunktsetzung genau wahrzunehmen. Geleitet wurde das Projekt von Ralf Tyra, Direktor am Haus kirchlicher Dienste in Hannover und Prof. Dr. Gerhard Wegner, Direktor am Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD.

2. Der Lernweg:
a) Der Lernweg begann mit der Aufgabe, einen „Steckbrief“ der eigenen Gemeinde zu erstellen und für die gegenseitige Vorstellung der teilnehmenden Gemeinden auch die eigenen Gebäude und Räumlichkeiten zu fotografieren. Diese Übung hat geholfen, die eigenen Örtlichkeiten, das Profil und die bewussten Schwerpunktsetzungen in der Gemeindearbeit genauer zu betrachten, in welcher Weise sie zu einer attraktiven Ausstrahlung beitragen. Das Umfeld der Kirchengemeinde Kirchtimke zeigt einen erhöhten Familienanteil mit wenigen sozialen Brennpunkten. So spiegelte sich in der Ausgestaltung der Räumlichkeiten in Kirchtimke z.B. eine starke Familienorientierung wieder, angefangen von Eltern-Kindgruppen, dem Kindergottesdienst, der vorgezogenen Konfirmandenarbeit im 4.Schuljahr mit beteiligten Eltern und einer starken Kinder- und Jugendarbeit in der Region. Die besondere Bedeutung der Gottesdienstgestaltung zeigt sich in der Wertschätzung der lebensbegleitenden Feiern wie Taufe, Konfirmation, Trauung, Jubelhochzeiten und Jubelkonfirmationen und auch Trauerfeiern, einer starken kirchenmusikalischen Arbeit und der Beteiligung vieler am Gottesdienst, z.B. wurden in der Region kürzlich 15 Lektorinnen und Lektoren ausgebildet.

b) In einem zweiten Schritt wurde mit Hilfe eines Fragebogens und einem Rundgespräch mit Kooperationspartnern der Kirchengemeinde und engagierten Gemeindegliedern die Situation und Arbeitsweise der Gemeinde sozialwissenschaftlich untersucht. Dabei wurden Stärken und Schwächen herausgearbeitet und Entwicklungsmöglichkeiten für die weitere Gemeindearbeit in den Blick genommen. Etwa 70% der Bevölkerung gehören im Kirchspiel Kirchtimke der Kirche an, der landskirchliche Durchschnitt ist 52%. Im Durchschnitt kommen etwa 15 Gemeindeglieder auf einen Ehrenamtlichen in der Gemeinde, der höchste Wert in der Teilnehmergruppe war 25, die niedrigste Quote lag bei 8. In der Gruppendiskussion bei vielen Gemeinden wurde deutlich: Auch Räume und Gebäude machen eine Kirchengemeinde attraktiv. Die Kirchengemeinde Kirchtimke hat hier in mehreren Ausbauschritten in den letzten Jahren viel investiert: Räume im Gemeindehaus für Eltern-Kind-Gruppen und die Kinder- und Jugendarbeit, die Außenanlagen mit Spielplatz und auch Außen- und Innenrenovierung der Kirche. So werden nach der Neugestaltung des Kirchhofes die Gemeindefeste rund um die Kirche gefeiert.
c) Mit kompetenter Unterstützung konnten dann in einem dritten Schritt ein konkretes neues Projekt in der Kirchengemeinde geplant und angegangen werden. In unserer Region bestand der Wunsch, die Zusammenarbeit in der Region zu verstärken und sich für gemeinsame Angebote und neue Zielgruppen in der Samtgemeinde Tarmstedt zu öffnen. Daraus ist der „Feierabend von Frauen für Frauen entstanden“, zum ersten Treffen im September in Kirchtimke kamen 63 Frauen. Ein Männerfrühstück soll im kommenden Jahr folgen.

3. Der Ertrag: – „Nicht Konkurrenz, sondern miteinander lernen“
Ziel des Projektes war es nicht, eine Konkurrenz zu entfachen, sondern miteinander und voneinander zu lernen. In allen beteiligen Gemeinden war zu spüren: Die Liebe zum Gottesdienst und die Hinwendung zu den Menschen gehören zusammen. Diakonische Aktivitäten wie die Einrichtung einer Tafel oder Schularbeitenhilfe im Umfeld vieler sozial schwacher Familien zeigen in anderen Gemeinden, wie die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Menschen in einer Kirchengemeinde eine Einheit ist. Gelernt habe ich: Wichtig ist es, sich auf die Gegebenheiten vor Ort einzustellen und in der Gemeinde eine Übereinkunft zur Ausrichtung der Gemeindearbeit zu haben, also miteinander etwas bewegen zu wollen. Events und Aktionen sind ebenfalls ein zentrales Element der Gemeindearbeit, Kindergarten bzw. Kindertagesstätte können ein Tor zur Gemeinde sein und vielfältige Kooperation mit Schule, Kommune und Vereinen und Institutionen vor Ort erweitern die eigenen Handlungsmöglichkeiten und die Präsenz vor Ort.

Wir haben in unserer Gemeinde Kirchtimke vom Projekt „Attraktive Gemeinde“ profitiert. Zu unsrem Profil gehört ein vielfältiges gottesdienstliches Leben, an den Lebensorten der Menschen präsent zu sein, an vielen Stellen Beteiligung zu ermöglichen, familienorientiert zu arbeiten und immer wieder freundlich und einladend auf die Menschen zuzugehen.

© Wolfgang Preibusch, Kirchtimke 2011

8.10. 2011 in Hannover: Podiumsgespräch

von rechts:
Landessuperintendent Dr. Brandy, Prof. Dr. Wegner, Ralf Tyra, Superintendentin Rühlemann, Vertreter der Ökumene

Attraktive Kirchengemeinden arbeiten zielgerichtet

Projektabschluss "Attraktive Gemeinde" / Sozialexperten: Attraktive Kirchengemeinden arbeiten zielgerichtet

Hannover (epd). Kirchengemeinden sind nach Angaben von Sozialexperten für Menschen attraktiv, wenn sie zielgerichtet arbeiten. "Entscheidend ist die Erfahrung, dass Gemeinden etwas wollen", sagte der Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Professor Gerhard Wegner, am Sonnabend in Hannover bei einer Tagung zum Abschluss einer einjährigen Studie. "Sie wollen die Dinge nicht treiben lassen, sie unternehmen etwas und machen sich auf den Weg." Wegner und seine Mitarbeiter hatten im vergangenen Jahr zwölf Gemeinden der hannoverschen Landeskirche begleitet, die sich selbst als attraktiv einstufen. In Workshops, Beratungen und der sozialwissenschaftlichen Studie fragten sie nach den Gründen für die Ausstrahlungskraft. Erfolgreiche Gemeinden seien in ihren Dörfern oder Stadtteilen gut vernetzt, sagte Wegner. Sie arbeiteten stark mit Kindern, Jugendlichen, Familien und jüngeren Senioren. Diese Gruppen seien für christliche Werte offenbar besonders aufgeschlossen.
Mitglieder attraktiver Gemeinden berichteten von einer "warmen, gemütlichen, hellen und freundlichen Atmosphäre". Diese hänge an Personen, aber auch stark an der Qualität der Räume, vor allem auch des Kirchengebäudes. "Erfahren wird ein Stück Heimat." Die Menschen fänden dort Stärkung und Ermutigung. Die Arbeit sei klar ausgerichtet, damit die Menschen wüssten, woran sie sind. Sie biete aber auch Raum für Kreativität, Experimentierlust und Selbstverantwortung. Ein entscheidender Faktor sei es, Ehrenamtliche zu gewinnen. Wegner betonte auch die Bedeutung von Events: Herausragende Ereignisse blieben in Erinnerung und prägten die Atmosphäre. "Sozialwissenschaftlich ausgedrückt vermehren Menschen in Kirchengemeinden ihr Sozialkapital, das heißt ihre Kontakte und Beziehungen, Fähigkeiten und Kenntnisse", fasste der Direktor zusammen. Die zwölf untersuchten Gemeinden stammen aus Osterode, Hildesheim, Nordstemmen, Hannover, Pattensen, Burgdorf, Wolfsburg, Mariendrebber bei Diepholz, Kirchtimke bei Rotenburg/Wümme, Harsefeld bei Stade, Hollen bei Leer und Langeoog.
Internet: www.ekd.de/si
Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen
8.10.2011

 

Zehn Stärken der teilnehmenden Gemeinden

Projekt „Attraktive Gemeinde“

Wann wirkt kirchliche Arbeit attraktiv…
10 Bedingungen (Stärken) der teilnehmenden Gemeinden :

Unsere kirchliche Arbeit wirkt attraktiv, wenn…

1. eine freundliche, einladende und wertschätzende Atmosphäre in der Kommunikation herrscht und im Tun die Liebe zu Gott und den Mitmenschen spürbar wird
2. sie sich auf die örtliche Situation einstellt und da vor Ort ist, wo die Menschen sind (einschließlich Lebensbegleitung, Kasualien)
3. sie über gut geeignete Gebäude/Räume verfügt
4. es eine gute Kontinuität und Teamfähigkeit bei den Mitarbeitern gibt
5. Kooperationen und Vernetzungen eingeübt werden
6. ein gutes Maß an Beteiligung auf verschiedenen Ebenen (Mitarbeit und Teilnahme) gelingt
7. Gemeindeleitung, Zusammenarbeit und Begleitung Ehrenamtlicher professionell (zielklar) angegangen wird
8. Profil und Schwerpunktsetzungen in der Gemeinde von allen Beteiligten getragen werden (Gemeindebild)
9. Bereitschaft zum Gehen neuer Wege da ist und gleichzeitig gute Traditionen gepflegt werden
10. sich Schwerpunktsetzungen (missionarisch, diakonisch, musikalisch, Kinder, Familien usw.) und ein breites, vielfältiges Angebot in einer Balance bewegen und die Gemeinde als Ganzes im Blick bleibt.

Zusammenfassung der Ergebnisse aus der sozialwissenschaftlichen Untersuchung (Fragebogen/Gruppendiskussion) der 12 teilnehmenden Gemeinden am Projekt „Attraktive Gemeinde“ 2010/2011 der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers

© Wolfgang Preibusch 2011

Gemeindearbeit: "Bei den Stärken einsetzen"

Pastor Philipp Elhaus, Haus kirchlicher Dienste (Gemeindetag 2011 in Rhade)

Philipp Elhaus: „Es gibt viele Kirchengemeinden, die haben große Schilder an der Eingangstür, auf denen steht groß: ,Herzlich willkommen‘ und unten in der Ecke ganz klein: ,Vorausgesetzt, Sie werden wie wir‘!“

Der Wunsch sei meist, eine ausstrahlende Kirchengemeinde zu sein für alle Altersgruppen, alle Frömmigkeitsstile, alle Milieus mit alltagsnaher Diakonie, Seelsorge, als Anwalt für Menschen im Schatten – die Wirklichkeit sehe anders aus: Ein großes Angebot koste Geld, wenige Schultern müssen viel tragen, der Pastor agiere als „Universaldilettant“.

„Das Problem ist: Man geht immer von dem aus, was nicht ist. Das ist ziemlich anstrengend. Warum nicht mal anders ansetzen – beim Reichtum – und die vorhandenen Schätze heben und ihre Stärken aufbauen?“

Das gehe in vier Schritten: das Gute erkunden, das Beste erträumen, die Zukunft entwickeln, die nächsten Schritte erarbeiten.

Im ersten Schritt solle der Kirchenvorstand klären, in welchen Bereichen man sich entwickeln wolle, welche Mission man für sich als Kirchengemeinde sehe.
In einem zweiten Schritt solle man zusammen mit Interessierten vorhandene Schätze heben. Dabei sei es wichtig, Prioritäten zu setzen und sich gegebenenfalls auch mal vom Reichtum der Nachbargemeinde ergänzen lassen.

(Quelle: Zevener Zeitung 17.1.2011)

 

Zehn Schritte "Gemeinde aktiv gestalten"

Pastor Wolfgang Preibusch

Ich stelle mir Gemeindeaufbau als ständigen Prozess vor - wie einen Rundlauf, der in einem überschaubarem Zeitrahmen verschiedene Stationen durchläuft. Getragen ist dieser Weg für mich von dem Vertrauen (Glauben), dass Gott in dieser Welt für uns, an uns und durch uns handelt und schon gehandelt hat – in seiner Schöpfermacht, in Christus und Kraft seines Heiligen Geistes. Das paulinische Bild der Gemeinde als Leib Christi (Bonhoeffer: „Christus als Gemeinde existierend“) ist für mich leitend, verbunden mit dem Leitwort: „Ein Geist – viele Gaben“. An jeder Stelle kann in den Prozess eingestiegen werden.

10. MEHRJÄHRIGE ZIELE/TEILZIELE BENENNEN
Die gegenwärtige Arbeit im Zusammenhang sehen

9. KRÄFTE NACH INNEN UND AUSSEN EINTEILEN
Gemeindeaufbau nach innen verstärken (Mitarbeiter/innen für
das Team gewinnen, schulen, begleiten; mit einander über Glaubens-
und Lebensziele sprechen) / nach außen gehen (Aktionen,
Projekte, Besuche, Gemeindeveranstaltungen, Gottesdienste, Werbung)

8. ENTSCHEIDEN: WAS IST ZUNÄCHST DRAN ?
Sich zu Prioritäten zwingen, Posterioritäten benennen!
Was muss ich jetzt tun und was muss ich jetzt lassen?

7. PHANTASIE ANREGEN UND KREATIVITÄT
Dem Wirken des Geistes Gottes Raum schaffen
(Ein Leib – viele Glieder / Ein Geist – viele Gaben: Römer 12)

6. ANDERE WEGE AKZEPTIEREN KÖNNEN
Alternative Bemühungen und Versuche würdigen!

5. DAS VORHANDENE POSITIV NUTZEN
Fragen: Woran können wir anknüpfen? Wer kann uns unterstützen?

4. ZIELE FORMULIEREN: WAS SOLL WERDEN?
Wie könnte die nächste Zukunft aussehen? Was wollen wir dafür tun
und lassen? Haben wir eine Übereinkunft?

3. ZUSAMMENHÄNGE SEHEN (GESCHICHTE / FEHLER)
Gemeinsam überprüfen: Was war bisher? Weshalb so?
Was hat sich (nicht) bewährt?

2. DIE REALITÄT WAHRNEHMEN (POSITIV / NEGATIV)
Erheben: Was ist da in unserer Gemeinde? Wie wird unsere Arbeit gesehen?
Was wird zu recht / zu unrecht von uns erwartet?
Was kann ich allein(mit anderen (nicht) kurzfristig ändern?

1. NACH DEM GEMEINSAMEN STANDORT FRAGEN (LEITBILD): Welches Bild von Kirche bestimmt unser (zukünftiges) Handeln?
(So grundsätzlich und allgemein wie nötig und so konkret und aktuell für die unmittelbare Zukunft wie möglich !)

© Wolfgang Preibusch 2009

 

Zehn Kontrollfragen zur Gemeindeleitung

1.Wer steuert bei uns ?

2. Wissen wir, wohin es gehen soll ?

3. Bleiben wir auf dem Boden ? (Es geht bei uns um konkrete Gemeindearbeit!)

4. Achten wir auf die Stimmung ?

5. Fördern wir Begabungen und bringen wir neue hervor ? (Welche?)

6. Leiten wir multiplizierend ?

7. Führen wir mit Liebe und Menschenkenntnis ? …

8. Gehen wir methodisch vor und üben wir Abläufe ein ?

9. Machen wir Schritte durchsichtig und überprüfbar ?

10. Nutzen wir Stärken, gestehen wir Schwächen ein und nehmen wir Hilfe an?


© Wolfgang Preibusch 2009

Von der Pastorenkirche zur Gemeindekirche?

Wollen wir den Aufbruch von der Pastorenkirche zur Gemeindekirche?

Nach evangelischem Verständnis ist das Priesteramt abgeschafft. Die Aufgabe der Kirche, die Verkündigung, hat das Pfarramt übernommen – daran wirken die Haupt-, Neben- und Ehrenamtlichen mit.
Evangelische Zeitung Nr. 46 20.11.2011

Von Thomas Jakubowski
Pastoren und Pastorinnen bzw. Pfarrer und Pfarrerin haben seit der Reformation nach evangelischem Verständnis keine Funktion der direkten Heilsvermittlung zwischen den Menschen und Gott. Mit dem Priestertum aller Getauften ist das Priesteramt theologisch abgeschafft worden.
Wenn jeder Christ durch die Taufe die gleiche Stellung zu Gott hat, dann gibt es eben überhaupt keine Priester mehr und daher auch keine geistlichen Laien. Daher kann gegen eine angebliche Pastorenkirche auch nicht mit dem Priesteramt aller Getauften argumentiert werden, da es doch keine Priester im evangelischen Verständnis mehr gibt. Was gibt es dann?
Es muss geregelt werden, wer für die professionelle Arbeit in einer Kirchengemeinde zuständig ist. Dazu hat die evangelische Kirche das Pfarramt eingerichtet. Das Pfarramt ist der Verwaltungsbereich, in dem der Auftrag der Kirche durch Hauptamtliche, Nebenamtliche und Ehrenamtliche erfüllt wird.
Die Unterschiede dieser Personengruppen untereinander sind der Umfang des Auftrages, die Zuständigkeit in diesem Bereich, die kleinere oder größere Freistellung von Erwerbsarbeit und vor allem die Ausbildung. Das Pfarramt ist der Bereich, indem die ausgebildeten Pastoren gemäß der jeweils gültigen Kirchenverfassung eine Leitungs- und Koordinierungsfunktion haben. Dazu sind diese ausgebildet, geprüft, beauftragt und eingesetzt worden.
Die Übertragung dieser Aufgabe macht erst einmal niemanden zu einem besseren oder schlechteren Christen. Der Glaube wird von Gott geschenkt und ist nicht direkt mit der Ausbildung verbunden.
Aus diesem Grund wäre es anmaßend, Menschen ohne theologische und kirchenrechtliche Grundkenntnisse auf die Menschen loszulassen oder ihnen den Kontakt mit anderen Menschen in einer Kirchengemeinde zu untersagen. Als Christ kann ich meinen Glauben leben, zeigen, darstellen und mit anderen teilen, als evangelischer Christ muss ich sogar aus meinem Glauben heraus meinem Nächsten barmherzig gegenübertreten.

Kirche geschieht nicht im Herz, sondern von Herz zu Herz. Aufgrund dieser Hinweise ist es für mich selbstverständlich, dass alle Menschen in einer Kirchengemeinde entsprechend ihren Gaben am und im Pfarramt mitarbeiten: zB. m Andachten, in Besuchen, Gottesdienstassistenzen, Lektorendiensten, bei der Repräsentation der Kirchengemeinde, in der Erwachsenenbildung oder im Gebetskreis.
einklagbaren Pflichten. Hauptamt bedeutet, dass Menschen von einer Erwerbsarbeit freigestellt sind und ihre ganze Kraft und Liebe der Kirchengemeinde widmen können. Ich persönlich träume von einem unverkrampften _ Miteinander in der Kirche Jesu Christi, in der jeder Menschen nach seinen Gaben und Möglichkeit an dem großen Werk Gottes mitmacht. Der Begriff „Laie" meint somit den beruflichen Laien und nicht den geistlichen Laien.
Kirche ist das gelingende Zusammenspiel vieler Menschen. Sobald sich Kirche keine Pastoren, Pädagogen, Musiker, Verwalter u.a. mehr im Hauptamt leisten kann oder will, dann muss der Auftrag Jesu Christi nach Matthäus 28 (Taufbefehl) ehrenamtlich erfüllt werden. Dies kann dann keine Volkskirche im Sinne einer Kirche mit dem Volk und für die Menschen mehr sein.
Es sollte gemeinsam am Reich Gottes gearbeitet werden: Mit so vielen Hauptamtlichen (z.B Pastoren, Pädagogen, Musiker und Verwaltungskräfte) wie - finanziell -möglich und mit so wenigen gut geleiteten Ehrenamtlichen auch im Verkündigungsdienst wie nötig. Entscheidend ist dabei die gesegnete Zusammenarbeit aller Dienste zum Lob Gottes: Ohne Hauptamt gibt es nämlich keine professionelle Begleitung des Ehrenamtes.
Pfarrer Thomas Jakubowski
ist Vorsitzender des Verbandes evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland.

Am Horizont eine andere Kirche

Da beklagt sich ein Neuzugezogener darüber, dass sich bei ihm noch nie „die Kirche“ habe blic-ken lassen. Dabei war bereits wenige Wochen nach dem Einzug jemand vom Besuchsdienst bei ihm. „Die Kirche“ ist eben der Pastor. Wir leben weitgehend in einer Pastorenkirche. Das mag Pastoren und Pastorinnen schmeicheln. Das mag für viele Gemeindeglieder bequemer sein. Indes: theologisch begründet ist die Pastorenkirche nicht.

An einigen biblischen Gestalten kann man sich das gut klarmachen. Auch Petrus und Andreas waren durchaus keine Fachleute in Sachen Religion, sondern einfache Fischer. Und dennoch haben sie ihren Mund in ihrer Weise sehr kompetent aufgemacht zum Zeugnis für Gott. Die Pastorenkirche zerstört die Gemeinden. Denn ihnen wird vorenthalten, dass sie gewürdigt sind: Mit ihren Fähigkeiten und Gaben können sie„im Weinberg des Herrn“ mitwirken. Deshalb ist auch die allenthalben anzutreffende pastorale Klage über Traditionsabbruch und religiöses Analphabetentum unglaubwürdig. Die Pastorenkirche ist ja gerade mit Grund für das, was gerne beklagt wird.

In einem kirchlichen „Grundsatzpapier“ lesen wir sage und schreibe sieben grundverschiedene Qualifikationen für den Pfarrberuf. Ihre Inhaber sollten theologische, spirituelle, seelsorgliche, pädagogische, sozialdiakonische, ökumenische und kybernetische Kompetenzen aufweisen. Welch’ maßlose evangeliumswidrige Selbstüberschätzung. Der allmächtige Pastor modernen Managerzuschnitts ist – vermeintlich – auf nichts und niemanden mehr angewiesen: Er kann alles, ist überall, weiß alles besser, er findet das alle zufriedenstellende Schlusswort. Um mit Paulus zu reden: „Ein wahrhaft elender Mensch!“

Aber so muss es doch gar nicht sein. Wie sähe beispielsweise ein Gottesdienst aus, in dem nicht der Pastor der Hauptakteur wäre, sondern der von verschiedenen Gruppen der Gemeinde gestaltet würde? Wie sähe eine Predigt aus, in der sich die Pastorin nicht krampfhaft um praktische Beispiele bemühen müsste, sondern in der Betroffene selbst zu Wort kämen? Wie sähe ein Kirchenvorstand aus, in dem viele verschiedene Kompetenzen aus Berufs- und Lebenserfahrung zur Geltung kommen könnten? Es ist schön, dass es in der Gemeinde Jesu Christi so viele verschiedene Gaben gibt: Reden und Schweigen, Zupacken und Zuhören, Besuchen und Suppe kochen, Schraubenzieher und Kugelschreiber schwingen. Wird dabei der Pastor oder die Theologin überflüssig? Keinesfalls. Sie sollen genau das in das Gemeindeleben einbringen, was sie gelernt haben: Kenntnis der biblischen Texte und theologische Orientierung.

So flackert am Horizont womöglich eine andere Kirche auf. Nennen wir sie vorläufig „Gemeindekirche“. Eine Utopie? Ganz und gar nicht. Sie beginnt in jedem noch so kleinen gemeindlichen Vorgang, in dem der Einzelne spürt: Meine Anwesenheit zählt, mein Wort, meine Bedenken, meine Kompetenz, meine Kritik. Und zwar genauso viel wie die der Pastorin oder des Pastors.

Ob im Gottesdienst oder im Unterricht, in der Seelsorge, in den Häusern oder am Gartenzaun: Der Aufbruch von der Pastorenkirche hin zur Gemeindekirche ist jeden Tag möglich. Vorausgesetzt, wir wollen ihn.

Okko Herlyn ist Professor für Ethik, Anthropologie und Theologie an der Evangelischen Fachhochschule Bochum.

Evangelische Zeitung Nr. 46 20.11.2011

„Der Pastor verkörpert die Kirche“

KIEL - In der katholischen Kirche herrscht Priestermangel. Aber auch in der evangelischen Kirche ist der theologische Nachwuchs rar. So wird mittlerweile vielerorts diskutiert, welche ‘Handlungen’ künftig von Laien vorgenommen werden könnten. Zwar ist dies bereits weitgehend möglich, wird aber selten durchgeführt. Welches Kind wird beispielsweise nicht von einem Pastor, sondern von anderen Gemeindemitgliedern getauft? Bei flächemäßig größer werdenden Gemeinden im Rahmen von Zusammenlegungen wird diese Frage aber immer aktueller. Die „Evangelische Zeitung“ fragte, wofür ein Pastor unverzichtbar ist.

„Das ist schwierig,“ sagt Peter Landschoof: „Taufen kann jeder; das weiß ich noch aus dem Konfirmandennunterricht. Aber man müsste ja auch bei Heiraten und Beerdigungen segnen dürfen. Hmm, da bin ich überfragt. Also zur Eheschließung und zur Beisetzung auf dem Friedhof ist ein Pastor unverzichtbar.“

Jürgen Schumann meint: „Unabhängig von der rechtlichen Stellung, finde ich, ist ein Pastor immer notwendig. Laien können auch Amtshandlungen durchführen. Aber es ist einfach festlicher und angebrachter, wenn ein, ich möchte sagen, ‘Fachmann’ den Segen erteilt.“

Sandrine Wulff erklärt: „Bei uns in der evangelischen Kirche können Getaufte, wie ich meine, alle Amtsaufgaben durchführen und Weihen und Segen verteilen, wenn es nötig sein sollte. Mit einem ‘richtigen’ Pastor ist es jedoch würdevoller.“

Elena Meierhof ergänzt: „Und es ist ja eigentlich auch eine komische Vorstellung, dass man von einem Laien verheiratet oder beerdigt wird.“

Hans-Günter Klabund sinniert: „Oh! Ja, Mensch, da muss ich nachdenken. Vieles dürfen Getaufte machen. Da fällt mir die Nottaufe ein. Aber ein Pastor ist, denke ich, zur Konfirmation unbedingt notwendig. Na ja, und Heirat oder Beerdigung sollten normalerweise auch von einem Pastor vorgenommen werden.“

Ute Dolge: „Ein Pastor ist unbedingt notwendig. Ich kann mir etwas anderes gar nicht vorstellen.“

Ernst Kob meint: „Ein Pastor ist niemals verzichtbar. Wenn die Kirche über eine Stärkung oder den Mehreinsatz von Laien bei Amtsgeschäften nachdenkt, dann dient dieses letztlich dazu, Gelder einzusparen, vermute ich. Mit anderen Worten: Pastorenstellen werden eingespart, damit auch Geld. Laien oder Ehrenamtliche können dann taufen, beerdigen, konfirmieren und was nicht alles. Das wäre nicht gut.“

Ute Schweda: „Unbedingt ist er zur Seelsorge nötig. Taufen können zum Beispiel auch andere machen.“

Minna Elisa Baasch bekräftigt das: „Ja, am Ende würden dann kostenlose Ehrenämtler den Segen austeilen. Da bin ich dagegen. Es gibt ja auch keine Laien-Polizisten oder Laien-Ärzte. Warum soll es das dann in unserer Kirche geben? Der gute alte Pastor, wie wir ihn seit Jahrzehnten kennen, ist und bleibt unverzichtbar. Gut, wenn ein Sterbender noch getauft werden möchte, kann ihn jeder Christ noch schnell nottaufen. Mehr sollte aber nicht erlaubt sein.“

Torsten Reimers: „Für Weihehandlungen, Taufe, Abendmahl ist ein Pastor unverzichtbar.“

Barbara Steffen sagt: „Der Mensch, der die Handlung vornimmt, ist wichtig, nicht das Amt an sich. Wenn er ein gläubiger Mensch ist, dann würde ich mich sogar von einem Laien trauen lassen. Er müsste eine innige Beziehung zu Gott haben. Dann kann er auch Amtshandlungen durchführen.“

Christin Schneider meint: „Der Pastor ist stets wichtig. Er hat Theologie studiert und bekennt sich zu Gott. Er sollte Glauben vermitteln. Er spendet Trost, zum Beispiel bei Trauerfeiern. Der Pastor verkörpert die Kirche.“

Robin Krause ruft: „Ich kann andere Leute taufen. Das habe ich in der Konfirmandenstunde gelernt. Aber im Grunde ist es besser, wenn ein Pastor das macht.“

Seine Freundin Sophia Anthonis ergänzt: „Ach, nötig ist ein Pastor nur zur Heirat, damit das Eheversprechen auch richtig und echt vor Gott abgesegnet ist. Und auch zur Weihnachtsfeier an Heiligabend. Alles andere könnten auch entsprechend ausgebildete Leute machen.“

Otho Simons sagt: „Kurz und bündig. Ich will meinen Pastor haben, wie ich’s seit meiner Jugend kenne.“

Erika Sokow meint: „Fast alles dürfen Laien offiziell tun. Aber würdig ist das nicht. Ein Pastor ist immer unverzichtbar. Vielleicht bei Nottaufen: Da geht es nicht anders. EinPastor gehört einfach dazu!“

Evangelische Zeitung Nr. 46 20.11.2011